Calafate, Argentinien – Punta Arenas, Chile

„Wer an der Küste bleibt, kann keine neuen Ozeane entdecken.“

Fernando de Magalhaes

Der sonst so verlässliche Westwind, der uns das Leben bei der Anreise nach Calafate noch schwer gemacht hatte, lässt uns in umgekehrter Richtung völlig im Stich und wir müssen ausschließlich mit Muskelkraft die Weiterreise Richtung Chile antreten. Entlang des Lago Argentino geht es Richtung Westen, wo schon die Einsamkeit der Ruta 40 gen Süden auf uns wartet. Kennen wir ja alles schon und trotz der öden Strecke ist es schön den Touristenmassen Calafates zu entfliehen.

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Voll bepackt mit Vorräten für die nächsten einsamen Tage dürfen wir diese gleich einen unerwartet langen Anstieg hinauf wuchten, welcher uns jedoch mit einem schönen Ausblick auf die weite argentinische Pampa belohnt.

 

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Ausblick auf die argentinische Pampa

Viel gibt es auf der entlegenen Strecke nicht zu sehen und die Stunden vergehen ereignislos im Schnurren der Fahrradketten, gelegentlich unterbrochen vom Kreischen der Karakara, die vielleicht auf unser Versagen und damit fette Beute hoffend ihre Kreise über uns ziehen. Am Nachmittag ersticken die wärmenden Sonnenstrahlen in den sich über uns zusammenziehenden Wolken und der kalte Fahrtwind blässt durch die Kleider. Fröstelnd wird uns bewusst, dass wir mit jedem Tag, den wir nach Süden radeln, es ein bisschen herbstlicher werden wird. Nach Kilometern ohne jegliche Bebauung sind wir froh als just am Abend ein paar Häuser vor uns auftauchen.Vielleicht finden wir ja einen vor dem stärker werdenden Wind schützenden Unterschlupf oder zumindest etwas Wasser für eine heiße Suppe. Und tatsächlich finden wir beides in dem kleinen Strassenbaucamp. Freundlich werden wir vom „Wachhabenden“, dem aktuell einzigen Bewohner des Camps, begrüsst und mit frischem Wasser versorgt. Außerdem bekommen wir mit einem breiten Grinsen einen Platz in der Fahrzeughalle zugewiesen. Gleichzeitig wird jedoch auch der in der Halle befindliche Dieselgenerator angeworfen. Na dann gute Nacht! … aber wenigstens haben wir Licht. 😉

Über Nacht entwickelt sich der Wind zu einem kleinen Stürmchen, welcher auch noch mit schön kühlendem Nieselregen angereichert ist. Nichts desto trotz verlassen wir am Morgen unser trockenes Plätzchen und stürzen uns in die Kälte. Vom Camp aus zweigt unsere Route auf eine unasphaltierte Strasse Richtung chilenische Grenze ab. Wind und Regen blasen uns kalt um die Ohren und der Weg entwickelt sich mehr und mehr zu einer schlecht befahrbaren Schlammpiste. Immer noch ist weit und breit nichts als flache, mit ein paar Büschen bewachsene Pampa zu sehen und nur hin und wieder teilen wir die Strasse für ein paar Sekunden mit einem anderen Verkehrsteilnehmer, bis dieser wieder am weiten Horizont verschwindet. Ina ist nach nur zwei Stunden Dauerregen bis auf die Knochen durchgeweicht. Doch in der Ferne zeichnet sich Hoffnung auf auf einen wärmenden Ofen in Form einer Polizeistation ab. Leider entpuppt sich die Station als verlassen und wir müssen mit einem kalten, offen stehenden Schuppen vorlieb nehmen. Zähneklappernd schlürft Ina die schnell zubereitete Suppe während sich ihre Lippen blau färben. Okay, das reicht! Zeit das Zelt windgeschützt aufzubauen und in trockene Klamotten zu schlüpfen. Den Rest des Tages verlassen wir den wärmenden Schlafsack nur um uns ein kräftigendes Abendessen zu zu bereiten.

Auch am nächsten Morgen ist Wettertechnisch keine Besserung in Sicht. Es stürmt und regnet unentwegt und die dunklen Wolken breiten sich schwarz und bedrohlich über den gesamten, scheinbar endlosen Himmel aus. Erkältungstechnisch bereits angeschlagen, beschließen wir den ungemütlichen Tag auszusitzen. Als komfortfördernd entpuppt sich dabei ein offen stehendes Fenster der Polizeistation, welche einer Besetzung durch uns nichts entgegenzusetzen hat. Leider sind Gas und Wasser abgedreht, aber zumindest die Wasserversorgung ist durch den anhaltenden Regen gesichert, super!

 

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Mit freundlicher Unterstützung der Policia Federal Argentina.

Die nächsten beiden Tage zeigen sich von einer wesentlich freundlicheren Seite und wir radeln bei häufigem Sonnenschein unserem Etappenziel „chilenische Grenze“ entgegen, während Nandus und Guanakos die Kulisse schneebedeckter Berge zieren.

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Guanakos und Nandus

Der Grenzübertritt ist gewohnt unkompliziert auch wenn wir das erste Mal unser Gepäck scannen lassen müssen, da Produkte wie beispielsweise Milch, Obst und Gemüse, Fleisch und Fleischwaren nicht nach Chile eingeführt werden dürfen.Wir sind „sauber“ und dürfen im Gegenzug unsere Vorräte im kleinen Grenzörtchen Cerro Castillo wieder auffüllen. Einige Kilometer weiter entdecken wir ein kleines Radleridyll: Mitten im Nirgendwo zwischen Cerro Castillo und dem Torres del Paine Nationalpark steht am Wegesrand eine kleine Schutzhütte ausgestattet mit einem Doppelstockbettchen, Ofen und sogar einem Stapel Feuerholz. Ein Traum für frierende Radreisende – kein Zelt aufbauen und warme Füsse. Vielen Dank!

 

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Bettchen, Ofen und Sonntagsbrötchen auf dem Weg zum Torres del Paine Nationalpark

Nach frisch aufgebackenen Sonntagsbrötchen und Kaffee geht´s weiter zum wenige Kilometer entfernten Nationalpark Torres del Paine , den wohl berühmtesten Nationalpark Chiles und ein Wandereldorado für Reisende aus aller Welt. Nach 250km durch entlegenste Gegend tauchen kurz vor dem Parkeingang wie aus dem Nichts überall die uns wohlbekannten Minibusse auf, vollgestopft mit abenteuerlustigen Touristen. Nachdem wir den doch recht üppigen Wegzoll für den Nationalpark bezahlt haben, bekommen wir es mit dem wütenden Wind Patagoniens zu tun. Eineinhalb Stunden lang kämpfen wir gegen den Wind, der uns wahlweise von vorn kommend stoppt oder von der Seite wehend vom Fahrrad wirft. Nach sieben Kilometern hat die Tortur endlich ein Ende und wir erreichen den Campingplatz „Central“, von wo wir unsere sechstägige Umrundung des Torres-Massivs beginnen wollen. Auch hier wird wieder eine saftige Bleibegebühr für ein kleines Stückchen Rasen und eine heiße Dusche fällig. Die aus unserer Sicht wohl verdiente 1,5l-Cola verkneifen wir uns – 12€ sind dann doch zu viel!

Nach einer stürmischen Nacht und einer viel versprechenden Wettervorhersage satteln wir unsere Drahtesel ab, verpacken alles Notwendige in unsere neu erworbenen, italienischen „Designer“-Rucksäcke der Marke „Cuci“ und machen uns auf den Weg unseren untrainierten Laufmuskeln ordentlich einzuheizen. Nur wenige Wanderer treffen wir auf den ersten sonnigen Kilometern unserer ersten Etappe zum Campingplatz „Seron“. Das mag wohl daran liegen, dass die Anzahl der Wanderer für die Umrundung stark limitiert ist, was uns bei der Planung einige graue Haare beschert hatte – aber das ist mittlerweile ja auch egal. 🙂 Da das Zelten im Nationalpark nur auf Campingplätzen erlaubt ist, dafür jedoch eine vorausgegangene Buchung der begrenzten Plätze notwendig ist, ist unsere Wanderung geradezu minutiös durchgeplant. Längst vorbei ist es mit der wilden Einsamkeit, welche den Park vor Jahrzehnten so beliebt gemacht hat. Was geblieben ist, ist die atemberaubende Landschaft mit vergletscherten Bergen, stahlblauen Seen und üppigen Wäldern.

Die Strecke zum Campingplatz „Seron“ führt noch recht unspektakulär doch schön durch Wiesen und Wälder, wobei der Weg durch viele langanhaltende Schlechtwetterperioden aufgeweicht und schlammig ist. Über einen kleinen windigen Pass erreichen wir nach einer fünfstündigen Wanderung am nächsten Tag das Camp „Dickson“ mit toller Aussicht auf den Dickson-Gletscher.

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Gletscher „Dickson“

Während wir uns weiter Richtung Gletscher Los Perros bewegen, macht sich die ungewohnte Belastung nun deutlich bemerkbar: Die Schultern schmerzen, die Waden betteln um Erholung und die Oberschenkel fragen bei jedem Schritt, ob das den unbedingt sein müsse. Das tut es, denn hinter jeder Ecke oder Kuppe wartet ein umwerfender Anblick wilder, ursprünglicher Natur. Mein persönliches Highlight ist der Ausblick auf den Grey-Gletscher vom Pass „John Gardener“ (1.241m), welchen wir am vierten Tag überqueren.

Legen wir im Durchschnitt ungefähr 14km täglich zurück, so hat es der fünfte Wandertag ordentlich in sich. 25,5km sind es vom Camp „Paso“ zum Camp „Italiano“, ein echter Gewaltmarsch, den wir – um es positiv auszudrücken – dem etwas unorganisierten Buchungssystem des Nationalparks zu verdanken haben. Ein weiterer längerer Marsch ist es dann am darauffolgenden Tag zurück zu unseren sehnsüchtig wartenden Rädern.

Es waren traumhafte Tage im Torres del Paine, besonders bei dem uns bescherten, außergewöhnlich sonnigen Wetter. Fünf von sieben Tagen Sonnenschein, wo sich die Sonne sonst zweimal die Woche zeigt. Wir sind trotzdem froh, zurück auf unseren Rädern zu sein. Unsere Schultern fühlen sich so LEICHT an, purer Luxus so eine Radtour und was man da alles mitnehmen kann, toll! Der Rückenwind schiebt uns zurück zum kleinen Örtchen Cerro Castillo, natürlich nicht ohne noch einmal in der voll ausgestatteten Schutzhütte zu übernachten. Wir füllen unsere inzwischen äußerst übersichtlichen Vorräte im halbwegs erschwinglichen Tienda „El Pionero“ auf und übernachten an der komfortablen Busstation, wo am Abend der französische Radler Hugues zu uns stösst.

Von Cerro Castillo sind es nur noch sechzig Kilometer nach Puerto Natales. Die Route führt weiter durch windzerzauste patagonische Ebene vorbei an einigen kleinen Seen, auf denen wir einige Schwarzhalsschwäne beobachten können. Auch Nandus, die man übrigens ebenfalls in der Nähe des Ratzeburger Sees (Deutschland) finden kann, begleiten unseren Weg.

Wir haben noch etwas Zeit bis wir den südamerikanischen Kontinent verlassen. Deshalb legen wir ein paar Tage Pause in Puerto Natales ein, auch um uns mal wieder richtig in einem Supermarkt auszutoben und der Reis-, Pasta- und Haferflockenkur der letzten Wochen zu entkommen.

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Der Herbst hält Einzug in Patagonien (Puerto Natales)

Recht einsame zweihundertfünfzig Kilometer sind es nun noch bis Punta Arenas, von wo aus wir unsere Tour auf dem nächsten Kontinent fortsetzen werden. Ein letztes Mal stürzen wir uns in die windige, zum Glück asphaltierte Weite Südamerikas. Wir lassen uns vier Tage Zeit um die Strecke gemütlich zurück zu legen und genießen die letzten Kilometer auf patagonischem Boden.

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Auf dem Weg nach Punta Arenas

In der südlichsten Großstadt der Welt, Punta Arenas, an der Magellanstrasse gelegen, bereiten wir uns (und die Räder) physisch und psychisch auf den Flug nach Australien vor.

Am 14. Juni.2016 hatten unsere Füsse den dritten Kontinent unserer Reise berührt. Zweihundertfünfundneunzig umwerfende Tage und fast vierzehntausend berauschende Kilometer später stehen wir nun am Ende der Südamerika-Etappe. Was soll man sagen? Toll? Anstrengend? Gigantisch? Ich weiss es nicht. Ich weiss nur, dass wir eine tolle Zeit hier hatten und die Menschen, egal in welcher Lebenslage, uns gezeigt haben wie viel Lebenskraft und Energie in ihnen steckt. Sehr beeindruckend und ansteckend und das ist gut so, denn viel Energie werden wir auch für unseren nächsten Abschnitt brauchen. 7,7 Millionen Quadratkilometer umfasst der sechstgrößte Staat der Erde. Dabei leben dort gerade mal 24 Millionen Einwohner, also 3,1 Einwohner pro Quadratkilometer. Die Einsamkeit wird uns also erst einmal nicht so schnell los lassen und wir finden das super. Hörbuch-, Podcast- und Musikordner sind gefüllt, der E-Book-Reader voll bepackt und die Batterieen geladen. Von uns aus kann es los gehen. Australien wir kommen!

 

Gesamtkilometer: 36.205km

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6 Gedanken zu „Calafate, Argentinien – Punta Arenas, Chile“

  1. Nach der Arbeit im Zug am Bloglesen erfüllt mich mit einer ordentlichen Portion Fernweh…Muss wohl mal wider mein Fahrrad ausfahren:-)
    Liebste Grüsse aus der Schweiz
    Claudia

  2. Hallo Mirko,

    klasse Bilder und Berichte, da vergeht so ein verregneter Sonntag recht schnell. Wow jetzt seid ihr schon in Australien, unglaublich wie schnell das doch geht (gefühlt zumindest).

    Falls Südafrika auf Eurer Route liegt kann ich Euch nur gratulieren, absoluter Knaller. Waren da 3 Wochen unterwegs, 4000km, aber mit dem Auto 😉 Wiederholungsgefahr!

    Dann weiterhin gute Fahrt und immer etwas Luft im Reifen.

    Beste Grüße aus Nürnberg
    Robby

    1. Freut mich, wenn wir die Lngeweile vertreiben konnten. Afrika liegt (noch) nicht auf unserer Route. Wir wollen uns noch das ein oder andere Abenteuer für später aufheben. Liebe Grüße nach Nürnberg.

  3. Hallo ihr zwei,
    nun habt ihr schon so viele Kilometer hinter euch und so viel tolles gesehen. Ich staune und beneide euch, wobei manche Bergfahrten nicht Meins wären. Von einer Sportfreundin, die vor kurzen mit dem Wohnmobil in Tasmanien war, habe ich viel von dort erfahren. Lasst euch nicht vom Tasmanischen Teufel erschrecken. Ihr ist er begegnet!!!!
    Weiterhin viele schöne Erlebnisse wünscht euch Zwei
    Christine

  4. Hallo ihr Lieben,

    Mirko wir wünschen dir noch alle Liebe zum Geburtstag, vor allem Gesundheit, wir hoffen, ihr habt ihn schön gefeiert.

    Passt weiter gut auf einander auf und bleibt gesund.

    Liebe Grüße
    Jens und Anett

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