Ho-Chi-Minh-Stadt, Vietnam – Champasak, Laos

Mittendrin – Zwischen Reisfeldern, Wasserbüffeln und Tempelzeremonien

Entgegen Peters Vermutung, wir könnten froh sein, nach der Entspannung des vierwöchigen gemeinsamen Radfahrens in Indonesien wieder unser gewohntes Kilometerpensum absolvieren zu dürfen, erweisen sich die ersten Tage, ja Wochen auf südostasiatischem Festland als harte Nuss für uns.

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Liegt es an dem ausgiebigen Urlaub mit ausgedehnten Pausen auf Bali? Plagt uns die Reisemüdigkeit? Kämpfen wir mit dem tropisch-heißen Klima Südvietnams? Oder ist es der Gedanke, dass wir uns nun definitiv auf dem Rückweg befinden, der uns so schwer in Tritt kommen lässt? Was auch immer die Ursachen sein mögen, eine Motivationsspritze scheint notwendig. Und so hangeln wir uns während der ersten Wochen in kurzen Tagesetappen von Gasthaus zu Gasthaus, jeweils ausgestattet mit Dusche, Ventilator oder sogar Klimaanlage.

Doch vorab verbringen wir vier Tage in Ho-Chi-Minh-Stadt. Eine der ersten Amtshandlungen in Vietnam ist ein Besuch im Radladen. – Nein, nicht weil die Räder am Flughafen in Einzelteilen angekommen waren! Im Gegenteil, unser Gepäck sah beim Wiederempfang aus, als hätten wir es noch gar nicht aufgegeben, geschweige denn als wäre es bei der Zwischenlandung in Kuala Lumpur auch nochmals verladen worden. Es lebe die Billigairline Air Asia! – Der fachkundige Rad-Enthusiast Peter hatte auf Bali einen ausgeleierten Steuersatz an meinem Rad diagnostiziert, den wir also in Saigon zeitnah ersetzen lassen. Als Bonbon obendrauf gibt es einen Gesundheitslenker für die Dame ab 40 als zusätzlichen Reisekomfort.

Den Abschied von unserer Warmshower-Gastgeberin Gina und ihren beiden Kindern Connar und Kyra zögern wir hinaus, denn wir fühlen uns von der ersten Sekunde an herzlich willkommen und unsere Anwesenheit scheint für die drei das Normalste der Welt. Außerdem gibt es da noch diesen kleinen Magen-Darm-Infekt meinerseits, der auskuriert werden will. Doch nach vier erholsamen Nächten sitzen wir wieder auf unseren Reisemobilen und freuen uns auf die vor uns liegenden ErFAHRungen, auch wenn der Schweiß in Strömen an uns hinunter rinnt.

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Abschied von Ho-Chi-Minh-Stadt

Nur zwei Tage später, am 16. Oktober 2017, verlassen wir Vietnam auch schon wieder und nehmen kambodschanischen Boden unter die Räder. Die letzten Kilometer in Vietnam sind vergleichsweise ruhig und beschaulich, obwohl wir uns auf der Hauptverbindungsachse zwischen Ho-Chi-Minh-Stadt und Phnom Penh befinden, z.B. bei einer Hängematten-Pause in einem der zahlreichen Cafés an der Strecke. Im kambodschanischen Grenzort Bavet erwartet uns umso größer ein Kulturschock der besonderen Art: Wir finden uns in einem Tumult aus Tuk-Tuk-Fahrern, Gasthäusern, Straßenständen, Hotels und Casinos wieder. Ja, richtig gelesen: Casinos! Als wir den Ort am kommenden Morgen verlassen, ist das Erste, was wir sehen, ein Einheimischer, der nackt die Straße entlang läuft. Da hat wohl jemand buchstäblich sein letztes Hemd verspielt!

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„Spielhölle“ Bavet

Doch je weiter wir ins Landesinnere reisen, um so ruhiger wird der Verkehr um uns herum und um so freundlicher die Menschen. Wir befinden uns in der Provinz Svay Rieng, der ärmsten Region Kambodschas, einem der ärmsten asiatischen Länder (Das jährliche Durchschnittseinkommen lag 2014 bei 1.010USD pro Kopf. Das sind 2,77USD pro Tag, im Durchschnitt! Zum Vergleich: In Deutschland hat 2014 jede*r von uns durchschnittlich 47.640USD pro Jahr verdient. Quelle: http://durchschnittseinkommen.net/liste-durchschnittseinkommen/). Trotzdem erscheinen uns die Menschen in diesem Teil der Welt ausgesprochen herzlich und zuvorkommend. Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb? Schon häufig haben wir in den letzten zweieinhalb Jahren festgestellt, dass Menschen umso großzügiger und gastfreundlicher agieren, je weniger sie selbst besitzen. Lässt Armut Dinge wie Familie, Freundschaft, Vertrauen in den Mittelpunkt rücken? Macht Wohlstand asozial? Und gesetzt den Fall, Du beantwortest diese Frage auch mit Ja, wieso braucht Deutschland dann immer noch mehr davon?

Klimatechnisch bewegen wir uns durch das Ende der Regenzeit. Das heißt, mindestens einmal am Tag schüttet es für ein bis zwei Stunden wie aus Kübeln. Wir versuchen diese Zwangspausen mit angenehmen Dingen wie Essen & Trinken zu verknüpfen, was uns überaus gut gelingt. Mein derzeitiges Lieblingsgetränk: Eiskaffee mit VIEL gezuckerter Kondensmilch. Mhhhh! 😀

In wildem Zickzack reisen wir durch Südost-Kambodscha, dabei erleben wir die entlegensten Strecken über unbefestigte Straße und durch kleine Dörfer als am schönsten, denn hier erhaschen wir in der Flachheit des Geländes Blicke in den bäuerlich geprägten Alltag und auf bis zum Horizont reichende Reisfelder. Abends fragen wir uns mitunter, ob die Erschöpfung nun vom Radfahren oder vom endlosen Winken für die begeistert „Hello!“ rufenden Kinder rührt.

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Reise durch die Provinz Svay Rieng, Kühe und Wasserbüffel säumen unseren Weg

Mit Kampong Cham erreichen wir auch den Mekong und überqueren diesen auf der Kizuna-Brücke, die bei ihrer Eröffnung 2001 die erste Querung des Mekong und gleichzeitig längste Brücke in Kambodscha darstellte. In Kampong Cham dürfen wir anlässlich einer privaten Geburtstagsfeier in unserem Gasthaus die ersten Erfahrung mit der südostasiatischen Leidenschaft für Karaoke machen: Unsicherheiten in der Performance werden durch Lautstärke kompensiert. 😉 Zum Glück für unseren gesunden Schlaf sind die Kambodschaner*innen „frühe Vögel“. Wer morgens um fünf schon rührig auf den Beinen ist, bettet sich abends auch beizeiten zur Ruhe.Und so enden die musikalischen Glanzlichter bereits gegen halb zehn.

Kratie – der erste Ort, in dem wir vermehrt auf Tourist*innen aller Herren Länder treffen und zur Abwechslung den Luxus international angehauchter Küche genießen – bietet darüber hinaus für uns einen Tag zum Herumschlendern und Ausruhen, bevor wir weiter gen Norden reisen. Süßwasserdelphine, auch bekannt als Irrawaddy Delphine, die auf dieser Höhe den Mekong bevölkern sollen, sehen wir dabei leider keine. Und ein Motorboot für eine eineinhalbstündige Fahrt über den Mekong zu chartern kommt für uns nicht nur wegen der geringen Erfolgsaussichten nicht in Frage.

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Blick vom Wat Hanchey auf den Mekong

26. Oktober 2017: Was für ein Tag! Idyllisch hatte ich mir unsere heutige Tagesetappe vorgestellt. Am Morgen besuchen wir die Pagode der 100 Säulen in Sambor, etwa im 7. Jahrhundert eine lebendige prä-Angkorianische Stadt. Von hier aus wollen wir für ca. 35km dem Flusslauf des Mekong nach Norden folgen und von dort zurück zur Hauptverkehrsstraße NH7 queren. Soweit die Idee. Doch schon nach wenigen Kilometern verengt sich die bisher unbefestigte, doch gut fahrbahre Straße immer mehr und wird schließlich zu einem Trampelpfad im dichten Dickicht. Der Vorteil: So können wir zumindest nicht vom Weg abkommen. Der Nachteil: Teile des Weges sind aufgrund der immer noch auftretenden Regengüsse riesige Schlammpfützen, um die es kein Herumfahren gibt. Nach 25km erreichen wir, inzwischen gut schmutzig und auch schon recht hungrig, das kleine Dörfchen Kampong Pnau. Hier winkt uns eine Gruppe Männer, die vor einem Lädchen zusammen sitzen, heran. Mirko wird ein Bier angeboten, seine Nachfrage nach etwas Essbarem mit einem Topf Reis und zwei Dosen Tomatenfisch beantwortet. Unter den neugierigen Blicken der anwesenden Herren, darunter der Dorfälteste, einigen Frauen und Kindern genießen wir diese unerwartete kulinarische Abwechslung und den nebenher stattfindenden Schwatz mit dem Dorflehrer, der etwas Englisch spricht und für die Gemeinde als Dolmetscher fungiert. Eine wahrhaft belebende Begegnung! 🙂

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Schwatz in Kampong Pnau

Doch leider müssen wir uns irgendwann doch verabschieden, denn es liegt weiterhin eine schwer einschätzbare Strecke vor uns, die nicht umsonst als „Mekong Discovery Trail “ bezeichnet wird. Allen guten Hoffnungen zum Trotz wird das Übel noch schlimmer. Wir sehen uns mit Schlaglöchern so groß wie Meteoritenkrater konfrontiert, die Räder versinken selbst schiebend teilweise bis zur Nabe im Dreck und beim Queren eines Flusses rutsche ich von einem Stein und zerre mir fies den linken Oberschenkel (was auch Tage später noch Schmerzen verursacht). Doch später wird die Route auch wieder angenehm und wir geniessen die spärlichen Zeugnisse menschlicher Besiedlung in Nordkambodscha. Als wir nach dreieinhalb Stunden Fahrzeit und 50km auf dem Tacho die NH7 erreichen, sind wir dennoch ziemlich erschöpft und sehnen uns nach einem kalten Getränk und einem Ort, unsere müden Körper zur Ruhe zu betten.

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Schlammschlacht vom Feinsten

Wie wir schon befürchtet hatten, gibt es auf der gesamten Strecke bis nach Stung Treng jedoch kein Gasthaus – an weitere 65km ist jedoch nicht zu denken, zumal es ja bereits auch schon halb drei ist. Deshalb greifen wir auf einen Tipp anderer Radreisender zurück und fragen im Tempel von O´Krieng an, ob wir bei den buddhistischen Mönchen Unterschlupf finden. Aber ja doch, gern können wir auf dem Tempelboden nächtigen, kein Problem, wird uns mit Händen und Füssen zu verstehen gegeben. Doch die auf dem Gelände aufgebaute Musikanlage hätte uns stutzig machen sollen! Gerade als wir mit Einbruch der Dunkelheit (18.00 Uhr) vom Abendessen zurück kehren, beginnt sich das Tempelinnere und auch die Außenanlagen mit immer mehr Menschen zu füllen. Es folgt eine eineinhalbstündige Zeremonie aus verschiedenen Predigten und Gesängen, übertragen von einer für die Ohren unangenehmen Lautsprecheranlage. Und gerade als wir hoffen, dass sich die Gesellschaft nun auflöst und wir endlich schlafen können, beginnt das eigentliche Fest. Was wir Euch aus erster Hand versichern können: Asiatische Elektromusik bei voller Lautstärke ist definitiv NICHT zum Einschlafen geeignet!!! 23.00 Uhr erstirbt letztlich der finale Ton, Punkt 5.00 Uhr reißen uns die oben erwähnten Lautsprecher wieder aus dem Schlaf, um die Glaubensgemeinde zum Tagwerk zu rufen. Draußen ist es noch stockdunkel! Im ersten Licht des Tages schwingen wir uns fluchtartig in die Sättel. Neben dem Verlust wertvollen Schlafes sind in dem Trubel auch meine auf Bali neu erworbenen Zehensandalen „davon gewandert“. Was für ein Tag! Was für eine Nacht!

Auf dem Weg nach Stung Treng lernen wir bei einer Pause einen Mitarbeiter der britischen Minenräumorganisation MAG (Mines Advisory Group) kennen, der uns von seiner Arbeit in der Provinz Ratanakiri berichtet. Bei der Recherche zur Situation in dieser vor allem von ethnischen Minderheiten bewohnten Region bin ich auf folgenden Artikel gestoßen. Bevor wir Kambodscha am 28. Oktober 2017 verlassen, besuchen wir das Women´s Development Centre in Stung Treng, ein lokales Programm zur Beseitigung von Armut durch Bildung und Beschäftigung mit angeschlossenem Kindergarten. Bei einer individuellen Führung zeigt uns Im, einer der Mitarbeiterinnen, die verschiedenen Stationen zur Herstellung handgewebter Seidenschals, darunter die treffenderweise mit Fahrradfelgen ausgestattete Spinnerei. Die etwa 50 Kinder zwischen drei und sechs Jahren trällern uns ein Ständchen – soviel ich verstehen kann handelt es sich dabei um das Alphabet und Zahlen, an den hochgereckten Fingerchen unschwer zu erkennen. 🙂

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Vom Rohmaterial zum Seidenschal

 

Unserer Einschätzung nach haben wir uns mit unserer Einreise in Laos erst einmal ein bisschen Erholung verdient. Zwei Tage Aufenthalt in Si Phan Don, den 4.000 Inseln Südlaos´ stehen auf dem Programm, das konkret aus frischen Säften, Hängematte, Milchshakes, Terrasse, Gemüsecurry, Lesen und wieder Hängematte besteht. Einzige Ausnahme im Rekord des Nichtstuns bildet ein Kurzausflug zum Somphamit-Wasserfall, auch Li Phi genannt. Das heißt so viel wie „Seelenfalle“ – die Einheimischen glauben, dass hier verdorbene Seelen gefangen und flussabwärts getrieben werden. Oho! Auf den überschaubaren Pfaden der beiden Inseln Don Det und Don Khon lernen wir Amida & Victor aus Schweden kennen, seit März diesen Jahres mit dem Radl unterwegs. Bei Pad Thai und Beer Lao tauschen wir einen ganzen Abend lang fröhlich und genüsslich Radreiseabenteuer aus.

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Erholungsstop Don Det – Blick von der Hängematte auf den Mekong, hier in der Regenzeit bis zu 14km breit

Ausreichend erholt starten wir am 31. Oktober 2017 dann zünftig in unser Laos-Abenteuer, indem wir uns über weitere Inseln der Si Phan Don, die durch Fähren miteinander verbunden sind, und später am Westufer des Mekong entlang nach Norden voran arbeiten. Wie bereits in Kambodscha erprobt, üben wir uns zwei Tage lang im Buckelpisten befahren, bevor wir Champasak erreichen. Dabei kann es uns gar nicht schmuddelig und sandig genug zugehen! Die gleichnamige Provinz, übersät mit sorgfältig voneinander abgetrennten Reisfeldern, hält vielfältige Begegnungen für uns bereit: Heerscharen von lernfreudigen Kindern und Jugendlichen in Schuluniform, die uns begeistert „Sabaidee!“ entgegen, zu und hinterher rufen; sich im Schlamm suhlende, geduldig vor sich hin malmende Wasserbüffel; Gänse, Enten, Hühner, die übermütig einige Sekunden neben dem Vorderrad her sprinten und sich urplötzlich entscheiden, doch mal eben die Seite zu wechseln; Ziegen in allen erdenklichen Farben und Größen und – wie es sich für eine landwirtschaftlich geprägte Region gehört – natürlich auch Hunde und Katzen.

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Wildes Landleben in Laos

Von Champasak aus besichtigen wir die Ruinen von Wat Phou Champasak, der größte Khmer-Tempel außerhalb Kambodschas und früher Teil des Königreiches Angkor. 2001 zum UNESCO-Weltkulturerbe ernannt, stammt die Anlage ursprünglich aus dem 5. Jahrhundert, die heute noch zu sehenden Überreste wurden im 11. bis 13. Jahrhundert hinzugefügt. Wat Phou befindet sich am Fuße des Mount Phou und ist über mehrere Ebenen angelegt, die durch teilweise steile Treppen miteinander verbunden sind. Wir genießen den herrlichen Blick von oben auf die Ebene unter uns und den Mekong weiter östlich zwischen den altehrwürdigen Überresten der Tempelanlage und neu hinzugefügten buddhistischen Bestandteilen.

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Wat Phou

Gegenüber ist am Horizont das Bolaven-Plateau auszumachen – ein Ausblick auf die kommende Rad-Etappe. Wie es uns dabei ergangen ist, erfahrt Ihr im nächsten Blogpost.

Bis dahin bleibt gesund und munter!

 

Gesamtstrecke: 45.809km

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