David, Panamá – Cartagena, Kolumbien

Ein großer Abschnitt geht zu Ende…

Nach der Grundreinigung von Körper und Kleidung haben wir einen weiteren wichtigen Punkt auf der Agenda: Die sogenannte Darien-Lücke liegt am östlichen Ende Panamás vor uns. Der Darien, ein ausgedehntes tropisches Sumpfgebiet, bildet die Grenze zu Kolumbien und nur einige Trampelpfade führen durch das Dschungeldickicht, das außerdem verschiedenen Guerillagruppen als Versteck dient. Es gibt zwar Berichte, dass Reisende das Gebiet zu Fuß lebend durchquert haben, aber das scheint selbst uns zu abenteuerlich. Eine Alternative für die Weiterreise nach Südamerika muss her!

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Zur Auswahl stehen Fliegen, mit dem Fischer- oder Banannenboot über den Atlantik oder mit dem Segelboot über das San Blas Archipel nach Cartagena. Die einstige Fähre Colón – Cartagena wurde leider nach nur kurzer Betriebszeit vor ein paar Jahren wieder eingestellt. Da Fliegen sich mit unsererm ökologischem Gewissen nur schwer vereinbaren lässt und man bei der Bannenbootvariante schnell auf einem Drogenboot landen kann, entscheiden wir uns für die dritte Option.

Zum Glück gibt es einige Segler, die solche Touren in regelmäßigen Abständen anbieten und so ist nach einigen Stunden Recherche und etwas E-Mail-Verkehr tatsächlich ein Boot gefunden, welches auch unsere Räder mitnimmt – die Santana. So sieht der Plan aus: am 09. Juni in Puerto Lindo abblegen; 3 Tage die San Blas Inseln erkunden, Eingeborene treffen, Schnorcheln, Schwimmen und das Leben genießen; anschließend in zirka 40 Stunden über die offene See nach Cartagena übersetzen; die Räder besteigen und dann Richtung Anden aufbrechen, endlich! Vorfreudig besteigen wir unsere Räder und das ganz ohne Eile, denn Puerto Lindo ist nur 10 Tagesreisen entfernt.

Unsere von der Klimaanlage im Hostel verwöhnten Schweißdrüsen laufen bereits nach den ersten Kilometern auf Hochtouren, während wir auf der im Bau befindlichen Interamericana pedalieren. Pünktlich zum Mittag zeigen sich dann die ersten dunklen Wolken am Horizont und eine halbe Stunde später radeln wir im heftigsten Regenguss – keine Unterstellmöglichkeit weit und breit. Normalerweise fällt der Regen entweder kurz und intensiv oder leicht und andauernd, doch machmal eben auch lang UND intensiv, wie an diesem Nachmittag. Bis auf die Knochen durchweicht schlagen wir am Abend müde und umringt von Mücken unser Lager an einem schlamigen Ackerrand auf. Kein Lüftchen weht als wir in unserem saunartigen Zelt verschwinden, scheint als würden wir heute nicht mehr trocken. Da heisst es nur noch schnell schlafen, damit dieser Tag ein Ende hat.

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Zu unserem Glück ist fast immer eine Fahrtrichtung bereits fertig gestellt, jedoch für den Atuoverkehr nicht freigegeben 😀

 

Doch längst nicht alle Sturmfluten bringen Unheil. Wenn es gerade passt, nutzen wir diese Zwangspausen für notwendige Erledigungen wie Einkaufen oder Mittagspause. Einmal werden wir sogar von einer freundlichen „Minisuper“-Betreiberin auf einen asiatischen Kaffeepausen-Snack eingeladen, bestehend aus Reis, Gemüse und Hühnchen. Solche Überraschungen sind natürlich immer willkommen. Die Natur ist in der Regenzeit eine wahre Pracht. Überall blüht und spriest das frische Grün und der Himmel veranstaltet regelmäßig Schauspiele. Oft sind die Leiden dann schnell vergessen, besonders wenn man am Abend noch ein trockenes Plätzchen unter einem Kirchendach findet.

Auf dem Weg nach Panama City legen wir einen Stopp bei Erika und Heinz aus der Schweiz ein, die in der Nähe von Caniasas seit 25 Jahren eine Art Misionsstation betreiben und gern Reisende auf ihr riesiges Naturareal einladen. Uns gefällt die Ruhe, weit weg von der Autobahn so gut, dass wir einen Tag Pause einlegen und Rädern und Equipment etwas Pflege angedeihen lassen.

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Danke an Erika und Heinz

Im gewohnten Rythmus aus Hitze, Regen, Essen, Schlafen und Radfahren arbeiten wir uns Stück für Stück Richtung Panama City vor und können sogar noch eine Premiere erleben. Wie wir unterwegs von anderen Radlern erfuhren, sind wohl auch die Bomberos (Feuerwehr) eine gute Anlaufstelle für Übernachtungen. Für einen ersten Test und weil es wieder mal regnet, steuern wir eben diese in der Kleinstadt Aquadulce an. Als wir bei der Station eintreffen scheint niemand großartig Notiz von uns zu nehmen und der Angestellte erhebt sich erst nach intensiven Klopfen an die Scheibe seines Wärterhäuschens langsam aus seiner entspannten Haltung. Wir tragen unser Anliegen vor und der daraufhin herbeigerufene Kollege weisst uns ohne Zögern und scheinbar selbstverständlich den Weg zu einem Mehrzwecksaal. Den könnten wir nach Belieben nutzen und hier seien ein Ventilator und Stühle und da die Toiletten, WIFI habe man übrigens auch. Beeindruckend, diese Selbstverständlichkeit! Zur Krönung bekommen wir von einem weiteren Kollegen am nächsten Morgen ein Frühstück serviert – nennen wir es panamesische Soljanka mit Maisbrot. Wie wir 2 Nächte später bei den Bomberos in Chorrera erfahren, ist leider nicht jede Station so gut „ausgestattet“. Doch das im Hinterhof befindliche braungrüne Fleckchen in der Größe unseres Zeltes genügt uns zur sicheren Nachtruhe, auch wenn das nächtliche Hundebellen direkt vor unserem Zelt nicht zu unseren Highlights gehört.

Nach drei Tagen erreichen wir die Stadt am Panamakanal und sind erst einmal ziemlich überrascht. Die Skyline kann mit Großstädten wie Chigago oder Los Angeles locker mithalten. Über die Puente de las Américas und weiter auf dem Radweg entlang der Küste, stossen wir ganz entspannt und mit schönen Ausblicken auf die Stadt nach Downtown vor, wo sich irgendwo unser Hostel Mamallena befindet.

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Cosmopolitisches Zentrum Panama City

Die Tage in Panama City verbringen wir mit ein paar Vorbereitungung auf die vor uns liegenden Tage und Besichtigungstouren in die Altstadt sowie zu den Miraflores Schleusen des Panamakanals. Wie es der Zufall will, stolpern auch Janet und Scott, die wir bereits in Mexiko getroffen hatten, mit ihren zwei Motorrrädern zur Hosteltür herein. Wie schon der erste Eindruck vermittelte, ist Panama City ziemlich international und so gar nicht wie die anderen mittelamerikanischen Großstädte. Das hat sicher mit dem Transportzentrum Panamakanal und dem ausgeprägten Bankensektor zu tun. An jedem zweiten Wolkenkratzer prangt das Zeichen einer der großen internationalen Finanzdienstleister. Kein Platz um lang zu verweilen und so ziehen wir weiter am Panamakanal entlang. Als wir die Stadtgrenzen hinter uns lassen, wird es sehr schnell grün um uns. Das ehemals amerikanische Gebiet um den Kanal ist nahezu unbewohnt und wurde deswegen zu einen Naturschutzgebiet erklärt. Auf dem Weg Richtung Colón passieren wir die Pedro Miguel Schleusen und verweilen für ein paar Aus- und Einblicke in das quirlige Leben des Panamakanals. Die Nacht verbringen wir mitten im Dschungel des Soberanía Nationalparks, umgeben von für das ungeübte Auge unsichtbarem Leben. Nur die lautstarke Geräuschkulisse lässt erahnen, was sich um uns herum abspielt. Ein ziemlicher Gegensatz zur Großstadtkullise, der wir noch eine Nacht vorher ausgesetzt waren.

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Dschungelcamp

Wir schlafen gut inmitten des Regenwaldes und erweitern deshalb die nächtliche Erfahrung mit einer Wanderung durch den Park am Vormittag. Allerdings dauert unsere Wanderung entlang des Camino des Cruces nicht allzu lang, die Mücken und Blutfliegen sind einfach zu nervig. In der Nähe von Colón finden wir einen schönen Campingplatz, den wir als Basis für einen Ausflug zu den Gatún-Schleusen nutzen. Das Projekt scheint jedoch frühzeitig zu scheitern, als wir die Schleusen erreichen. Seit einigen Jahren wird an der Erweiterung des Kanals gearbeitet um größeren Schiffen (NeoPanaMax-Schiffe) die Durchfahrt zu ermöglichen. Dafür müssen natürlich auch die Schleusen erweitert werden. Genau an der Baustelle der neuen Schleusen stehen wir nun und dürfen mit unseren Fahrrädern die provisorische Brücke zu den alten Schleusen nicht überqueren. Wir wollen schon wutentbrannt umkehren, als uns die Idee kommt mit unseren Rädern einfach zu trampen. Und es dauert auch nur wenigeMinuten bis uns ein freundlicher, für uns jedoch kaum zu verstehender PickUp-Fahrer an die andere Seite der Baustelle chauffiert. Wir verbringen einigen Stunden an den Schleusen und beobachten das ständige Kommen und Gehen der Ozeanriesen. Ein ziemlich beeindruckender Zeitvertreib, wenn man so hautnah wie an den Gatún-Schleusen, dabei sein kann.

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Gatún-Schleusen

Es ist nur noch eine Tagesreise bis zu unserm Abfahrtshafen Puerto Lindo und wir haben noch 3 Tage Zeit. Deshalb stoppen wir auf halber Strecke an einem kleinen Hotel in Mechi, wo wir unser Zelt auf einer schönen Wiese direkt am Strand aufschlagen dürfen. Bis auf die Inhaberfamilie sind wir in der großen Anlage allein. Wieder gehen wir ruhigem Müßiggang aus Nichtstun, Schwimmen, Lesen und Essen nach. Da werden wir es schwer haben in seriöses Radfahren zurück zu kehren. .

Am Nachmittag des 09. Juni erreichen wir nach einer letzten kurzen Etappe in Nordamerika unseren Abfahrtshafen in Puerto Lindo und treffen auf einige unserer Mitreisenden: Sarah, Sophie, Hanah und Hanah aus Großbritanien. Den Nachmittag üben wir uns wieder in Nichtstun, während unsere Räder schon mal auf das Boot gebracht werden. Wir Passagiere gehen erst gegen 22:00 Uhr an Bord der Santana, als alle Ausreiseformalitäten von unserem Kapitän Gisbert aus Bautzen erledigt sind und das Gepäck aller Mitreisenden verstaut ist. Unterstützt wird Gisbert von seinem 1. Maat Luis und dem „Lehrling“ Mono aus Buenos Aires. Die 15-köpfige Reisebesetzung ist natürlich international und äußerst angenehm: fünf Engländer_innen, fünf Deutsche, 2 US-Amerikaner, eine Schwedin, eine Neuseeländerin und ein Panamaer. Um Mitternacht, die meisten Passagiere schlafen bereits, stechen wir in See.

Als wir am Morgen die Augen aufschlagen, blicken wir auf den bewölken Himmel über El Porvenir, dem Ausgangspunkt für die 3-tägige Tour durch die San Blas Inselgruppe. Da dieses Gebiet autonom von den Kuna, einer indigenen Ethnie, verwaltet wird, müssen wir uns vor der Einreise in dieses Gebiet erst einmal anmelden. Nach dieser kurzen Fomallität geht es dann bei aufklarendem Himmel zur nächsten Insel mit kleinem vorgelagertem Schiffswrack. Ein idealer Platz zum Schnorcheln und innerhalb kurzer Zeit ist die gesamte Schnorchelausrüstung inklusive Passagiere im Wasser und tummelt sich wie ein Schwarm neugieriger Fische um das Schiffswrack und den daneben liegenden Korallenriffs. Wir verbringen den restlichen Tag an diesem vom Weiss des Strandes über das Türkis des Wasser bis zum Dunkelblau des Himmels strahlenden Ort, um im goldgelben Abendlicht zum nächtlichen Ankerplatz zu schiffen. Gelegen zwischen Fussballfeldgroßen schneeweißen Inselchen gnießen wir im Abendrot das Abendbrot: frische Languste in Knoblauchöl, Toast Hawaii und Salat – köstlich!

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Im San Blas Archipel

Die folgenden Tage sind ähnlich anstrengend: morgens aufstehen und ein Runde schwimmen im glassklaren Nass, danach Frühstück, eine Runde schnorcheln, Mittagessen und ein wenig ruhen, dann nochmal eine Runde schwimmen oder schnorcheln, geselliges Abendessen, bisschen in den Sternenhimmel starren, ein kaltes Bierchen und zum Abschluss noch ein gutes Buch an Deck. Eine kurze Pause in Form des England-Russland-EM-Gruppenspiels, gezeigt auf einem kleinen Fernseher, betrieben von einem alten Solarpanel, aufgestellt in der kleinen Kuna-Hütte auf einer der winzigen Inselchen, ist uns doch vergönnt. Dazu gibt Coco Loco, mit Rum angereicherte Kokossnuss.

Nach all den vielen Eindrücken und Begegnungen mit Stachelrochen, Baracuda und Co. starten wir am Abend des dritten Tages zur tatsächlichen Überfahrt nach Kolumbien. Einen Tag und zwei Nächte schaukeln wir über die offene See und sowohl am Morgen als auch am Nachmittag werden wir jeweils einige Minuten lang von einer Schar Delphinen begleitet, die sich vergnüglich vor unserem Boot tummelt. Ich bin sehr ergriffen und unsere Mägen scheinen sich mit der Seefahrt auch zu vertragen. Benommen von den eindrucksvollen Tagen und Nächten oder von den Wellen des Atlantiks, setzen wir am 14. Juni 2016 in Cartagena schwankend unsere Füsse auf den dritten Kontinet unserer Reise: Südamerika, viertgrößter Kontinent der Erde und besiedelt von 418 Milionen Menschen liegt vor uns. Von den heißen Tiefebenen Kolumbiens über die schneebedeckten Gebirgszüge der Anden bis zum mächtigen chilenischen Eisschild soll der Weg uns führen. Wir sind gepannt, welche Abenteuer in diesem Teil der Erde auf uns warten. Stay tuned!

Zu den Bildern geht es wie immer hier .

geradelte Strecke: 22.311km

5 Gedanken zu „David, Panamá – Cartagena, Kolumbien“

  1. iuiuiu, spannend und wieder mit sehr schönen bildern! und das der rené, mit dem ich gestern einen schrank aufgebaut habe, ein café in panama-city hat überrascht mich dann schon ein wenig. werd heute gleich nochmal nachfragen, wenn wir die arbeit fortsetzen 😉 euch beiden nun viel spass auf dem nächsten kontinent und passt weiterhin gut auf euch auf! gehabt euch wohl, die vier leipziger vögel

  2. Hallo ihr zwei Weltenbummler,
    Terra x könnte nicht spannender schreiben und beschreiben.
    So grandios wie ihr viele Dinge gelebt und gesehen habt, seit ihr auch in der Lage uns es so zu erzählen und zu zeigen das man glaubt hautnah mit dabei gewesen zu sein. Wir sind große Fans von Euren genialen Reiseberichten. Hier hat in der letzten Zeit das Wetter auch sein Unwesen getrieben und man könnte meinen, die Regenzeit hat eingesetzt! Die Ferien beginnen bald und damit hoffentlich auch der Sommer! Leider für die wenigsten mit weissem Sandstrand und türkisblaues Wasser, umso mehr saugen wir solche Bilder von euch wie ein Schwamm auf. Liebe Ina, hier mal noch ne weniger schöne Mitteilung: die Mädels vom VTB haben sich aufgelöst und sind versprengt 🙁 , so sind einige nach Limbach, einige zu Lok und zu Stahl gegangen. Die „Alten“ sind ab September 2x mtl. Mittwoch’s in der alten Halle in Schönau zu gange. Ich hatte gehofft, dass Du einfach wieder einsteigst, wenn ihr wieder hier seit, aber nun ….? Aber ich glaube das diese Frage erstmal zweitrangig bleibt.
    So wünsche ich Euch eine weiterhin schöne Reise, immer genug Luft im Reifen, das Euch immer nette Menschen begegnen, viel Gesundheit und somit tolle Berichte und Bilder für uns!!!!!
    LG Catl

    1. Liebe Catl,
      herzlichen Dank für die Lobeshymne! 🙂 Schön, wenn unser Geschreibe bei Euch in der Heimat Gefallen findet.
      Den Schock, dass sich die Mannschaft auflöst, bin ich noch dabei zu verarbeiten… ich war bisher auch davon ausgegangen, dass ich irgendwann Montag Abend in der Halle einfach wieder zu Euch stoße. :-/ Dann eben mittwochs bei den „Alten“.:-D
      Ganz dicke Grüße in die Kabine und an Deine Herren(haide)
      Ina

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