Markakol, Kasachstan – Gorni-Altaisk, Russland

Von Freud (und Leid)  des Radlebens

Aufgabe des Lebens, seine Bestimmung ist Freude. Freue dich über den Himmel, über die Sonne, über die Sterne, über Gras und Bäume, über die Tiere und die Menschen.“ schrieb einst Leo Tolstoi. Dieser Aufgabe sind wir in den letzten Wochen bei unserer Reise durch das nördliche Ostkasachstan und die russische Altai-Region ausgiebig nachgekommen.

Direkt zur Bildergalerie


Doch der Reihe nach: Mit unserem Start vom schönen Markakol liegt die Alte Österreichische Straße vor uns. Diese hat ihren Namen daher, dass sie zwischen 1914 und 1916 von österreichischen Kriegsgefangenen des ersten Weltkriegs gebaut wurde. Angeblich war hier auch Arnold Schwarzeneggers Großvater mit am Werk, so wird uns stolz in Urunkhaika berichtet. Die ersten Kilometer bewegen wir uns unter strahlend blauem Himmel auf einer prächtig blühenden Hochebene, die uns hin und wieder einen Blick zurück zum Markakol gestattet. In dieser freudigen Stimmung gelangen wir zum Abzweig, an dem die Alte Österreichische Straße beginnt… und stehen vor einer wegüberspannenden, riesigen Pfütze, umgeben von dschungelartigem Grün. Und da sollen wir weiterkommen? Ja, kommen wir, wenn auch leidvoll. Diese abenteuerliche Wassermasse wird nur die erste von hunderten sein, die uns in den kommenden Stunden zum ständigen Ab- und wieder Aufsteigen zwingt, wir durch Wasserläufe waten werden und uns um die Mittagszeit auch noch Wasser von oben in Form eines heftigen Wolkenbruchs ereilt, den wir mehr als eine Stunde im Gebüsch unter unserem Tarp hockend verbringen. Doch als die Gewitterfront vorüber gezogen ist, erfreuen wir uns daran, wie die Natur um uns herum frisch gereinigt im Licht der Sonne auf das Üppigste erstrahlt… und wir ganz allmählich Lage um Lage wieder trocknen.

Es ist doch erstaunlich, was ein einziger Sonnenstrahl mit der Seele des Menschen machen kann.“ – Fjodor Michailowitsch Dostojewski

Einsam ist eine der Assoziationen, die mir zu diesem Teil Kasachstans einfällt, begegnen uns doch am ersten Tag auf der Alte Österreichischen Straße nur etwa zwei Handvoll Autos und ein halbes Dutzend Angler. Tag 2 erfreut uns mit herrlichem Lärchenwald, einer weiteren Hochebene und dem Burkhat-Pass auf 2.136m Höhe. Das heutige Mittagsgewitter verbringen wir bestens geschützt an einem Rastplatz, über den wir uns entsprechend freuen. Danach folgt eine wilde Fahrt über geschotterte Strecke hinunter in das breite Tal des Bukhtarma, das herrlich grünt und von Birkenwald bestanden ist.

Bereits in der Hitze der Steppe Chinas hatten wir unseren Tagesrhythmus umgestellt: 6 Uhr Weckerklingeln, 8 Uhr im Sattel sitzen um die Kühle des Morgens zu nutzen, spätestens 18Uhr einen Campingspot gefunden haben, Kochen und Zeltaufbau erfolgen parallel, damit 19.30Uhr in der Dämmerung alles fertig ist und wir im Zelt essen können, um der Mückenplage zu entkommen. Auf unserer weiteren Route durch das kasachische Altaigebirge kommt uns dieser Rhythmus zugute, denn täglich langanhaltender Regen bremst uns leider aus und zwingt uns mitunter schon nachmittags 16 Uhr zum Stopp.

Apropos China: Dieses Fleckchen Erde war ja im letzten Blogbeitrag wenig freudig beurteilt worden. Doch mit einigem Abstand möchte ich an dieser Stelle ergänzen, dass wir in der Provinz Xinjiang durchaus auch erfreuliche Erlebnisse hatten. Gleich am ersten Tag beispielsweise wurden wir reichlich beschenkt mit Schokolade, Energy-Drinks und vermeintlichen Zucchini, die sich als Melonen entpuppten. Die Menschen begegneten uns jederzeit freundlich und aufgeschlossen. Und Chinas Straßen sind eine wahre Freude für jede*n Reiseradler*in; von bestem Asphalt, teilweise mit breitem Seitenstreifen und gemeinsam genutzt mit überaus rücksichtsvollen motorisierten Verkehrsteilnehmer*innen.

Von deren Fürsorge und Umsicht könnten sich ihre kasachsischen Nachbar*innen gleich mehrere Scheiben abschneiden. Auf dem Weg durch die Berge Richtung Ust-Kamenogorsk müssen wir mehrfach täglich um unser Leben fürchten, da Überholen bei Gegenverkehr Standard ist und auch fehlender Gegenverkehr kein Anlass zu sein scheint, uns mit Sicherheitsabstand zu überholen. Ein Erlebnis lässt uns besonders sprachlos zurück, erklärt uns doch ein englischsprechender Kasache in allem Ernst vom Beifahrersitz aus (während uns der Fahrer fast in die Leitplanke drängt), die Straße sei nicht für Fahrräder da. Ooooh, da müssen wir Dummerle wohl den gut ausgebauten Radweg übersehen haben!!!

Bei einem Zwischenstopp in Ülken-Naryn ändern wir spontan mal wieder die Reiseroute: Wir könnten doch das Kalbagebirge und die Sibinskier Seen auf dem Weg nach Ust-Kamen einbauen. Frisch und fröhlich starten wir in den nächsten Radtag und pedalieren sehr verkehrsarm direkt am Ufer des Bukhtarma-Stausees entlang. Nach 35 Kilometern erreichen wir den Fähranleger, doch eine Fähre ist weit und breit nicht zu sehen, obwohl der Wegweiser am Straßenrand durchaus eine Ortschaft am jenseitigen Seeufer ausweist. Doch der Betrieb der Vasiljewskaja-Fähre scheint eingestellt und auf Nachfrage in Altaika gibt es auch keine Verbindung zwischen Altaika und Oktjabrskij. Da hätten wir wohl ein bisschen intensiver Recherche betreiben sollen!?! Für uns heißt das zurück auf die ursprüngliche Route und zwei zusätzliche Tage um das Bukhtarma-Reservoir pedalieren mit jeder Menge mühsamen Auf und Abs.

So erreichen wir am 12. August nach acht Tagen im Sattel Ust-Kamenogorsk, an der Mündung des Flusses Ulba in den Irtysch gelegen, zu Zeiten der UdSSR ein Zentrum des Bergbaus und der Metallurgie. Aus geplanten 3 Nächten zur Regeneration sowie für Großeinkauf, Wäschewaschen, Reifenwechsel, Kettenwechsel, Flicken von Schläuchen und Kleidung, Telefonieren mit der Familie und ähnlichen Vergnügen (ein bisschen Sightseeing ist natürlich auch dabei) werden am Ende 5 Nächte – zum einen, weil sich ein einzelner Herr noch einen weiteren Erholungstag wünscht, zum anderen, weil es am Folgetag von morgens bis abends wie aus Gießkannen schüttet.

Eineinhalb Tagesreisen trennen uns noch von der russischen Grenze, die uns mit hügeligem Terrain erfreuen. Wir stürzen uns bei bis zu 57km/h die Berge hinunter um nur wenige Minuten später auf der anderen Seite leidvoll mit schweißtreibenden 5km/h nach oben zu pedalieren. Die Landschaft lässt Erinnerungen an damals in Iowa wach werden.

Am Grenzübergang zwischen Kasachstan und Russland verbringen wir etwas mehr als drei Stunden. Die Prozedur auf kasachischer Seite ist uns ja bereits geläufig. Bei der Einreise in Russland kommen zwei getrennt mit uns geführte Interviews hinzu, um den ausführlichen Fragebogen der bereits in Deutschland erfolgten Visabeantragung um weitere Informationen zu ergänzen. So bleibt uns am späten Nachmittag nur noch, uns wenige Kilometer hinter der Grenze ein schönes, unsichtbares Plätzchen zum Campen zu suchen, bevor wir am 19. August das Land zu erkunden beginnen.

Oh Mütterchen Russland, wie bist Du schön! Uns ist es eine wahre Herzensfreude, hier unterwegs zu sein. Wir sind glücklich über die Berge zu unserer Rechten, das Grün auf Wiesen und Feldern, die hübschen kleinen Tante-Emma-Lädchen in jedem Dorf, die Zurückhaltung der Menschen, den überschaubaren Verkehr und vor allem die typisch russischen Holzhäuser. Letztere sind leider im Verschwinden begriffen; einige scheinen dem Verfall preisgegeben, doch viele werden mit einer Dämmschicht und einem kaum an das Original heranreichenden Holzimitat aus Plastik verkleidet. Doch wo sie noch existieren, sind sie mit ihrem sonnenverbrannten Äußeren und den Verzierungen an den Fenstern wunderhübsch anzusehen.

„Die ganze Mannigfaltigkeit, der ganze Reiz und die ganze Schönheit des Lebens setzen sich aus Licht und Schatten zusammen.“ – LeoTolstoi

Die Herausforderung, mit der wir uns leider konfrontiert sehen, ist die Visa-Registrierung, zu der Tourist*innen nach spätestens sieben Arbeitstagen in Russland verpflichtet sind. Das sollte an sich ganz einfach sein, lesen wir doch bei verschiedenen Quellen, dass jedes Hotel dies beim Check-In automatisch übernimmt. Interessanterweise bescheiden uns alle Gostinizas, bei denen wir anfragen, das Gegenteil und versorgen uns gleichzeitig mit den unterschiedlichsten Informationen, ab wann eine Registrierung tatsächlich notwendig ist. Die Angaben reichen dabei bis zu 30 Tagen. In unserer Not suchen wir in Petropavlovskoje die Polizei/Migrationsbehörde auf, wo wir an eine freundliche Beamtin geraten. Mit Hilfe ihres telefonisch zugeschalteten, deutschsprechenden Vaters erklärt sie uns, eine Registrierung sei nur notwendig, wenn wir uns mehr als sieben Arbeitstage an einem Ort aufhielten. Da wir allerdings durch das Land reisen, hätten wir an keinem Ort eine Quasi-Residenz und könnten daher auch nicht angemeldet werden. Klingt logisch und bringt uns erleichterte Hochstimmung.

Wie doch Freude und Glück einen Menschen schön machen!“ – Fjodor Michailowitsch Dostojewski

Bleibt uns nur, zu hoffen, dass die Grenzbeamt*innen bei der Ausreise die Sachlage ebenso verstehen… und von nun an völlig entspannt durch den russischen Teil des Altai zu tingeln. Zwei weitere Tage radeln wir also weiter durch die flache, von Landwirtschaft geprägte Region Altai, bevor wir am 24. August die Republik Altai mit ihrer Hauptstadt Gorni-Altaisk erreichen. Hier knallt es uns erstmals heftig Verkehr um die Ohren, der uns in der Hitze zusätzlich leiden lässt. Doch wir gehen optimistisch davon aus, dass sich die Lage in der Bergwelt weiter südlich beruhigen wird. Wir freuen uns jetzt schon auf die Täler von Katun und Chuya, den Chuiskij-Trakt und die Kurai- und Chuya-Steppen auf 2.000m Höhe… und werden euch im nächsten Blogbeitrag davon berichten.

Gesamtstrecke: 5.865km

Zur Bildergalerie

Alle Zitate der russischen Dichter und Schriftsteller in diesem Beitrag stammen aus der Zitatesammlung von Christoph Schulz auf seinem Blog über Nachhaltigkeit, Umweltschutz, ein natürlich-bewusstes Leben und persönliche Weiterentwicklung unter www.careelite.de

4 Gedanken zu „Markakol, Kasachstan – Gorni-Altaisk, Russland“

  1. Hallo Radler,
    immer wieder schön und spannend zu lesen Eure Reiseberichte. Und ganz viele tolle Bilder. Weiterhin gute Fahrt.

    LG aus Chemnitz

  2. wie schöne wieder von euch zu lesen und neue bilder bestaunen zu können! hoffentlich sind die autofahrer in russland dann eher mit denen in china vergleichbar!? vlg senden & weiterhin alles gute auf eurer tour wünschen die vier vögel aus der umkehr!

  3. Hallo liebe Kinder,
    was sollen wir sagen – es ist wieder eine Freude, mit so tollen Bildern und Beschreibungen an eurer Reise teilhaben zu dürfen.
    Die Hauptsache ist, es euch gut und ihr kommt entsprechend Reiseplanung ohne größere Hindernisse voran .
    Und denkt daran, rechtzeitig für Nachschub
    evtl. Reperaturmaßnahmen an den Rädern vorzusorgen !
    (War ein Späßle)
    Also, bleibt gesund und meldet euch bald wieder via Skype.

    Dicke Drücker von den Eltern aus Silberstraße

  4. Wieder ein schön zu lesender Bericht und tolle Bilder. Vielen Dank dafür. Weiterhin eine gute Reise, mit vielen netten Begegnungen wünsche ich euch.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert