New York – Niagara Falls

Gullivers Reisen

Auch die letzten zwei Wochen hielten wieder einige Abenteuer für uns bereit – warum sollte sich das auch ändern…

Nach vier angenehmen, aufregenden Tagen in Lissabon halten wir die Zeit für gekommen, Europa vorerst Adios zu sagen und über den Großen Teich zu fliegen. Doch das klingt einfacher, als es ist.

Am Morgen unseres Abflugtages reisen wir frühzeitig via Metro und zusätzlich zu unserem üblichen Gepäck mit Pappe, Frischhaltefolie, Klebeband und Eierkartons bestückt zum Flughafen. Dort stellen wir zuerst einmal fest, dass wir nicht wie alle anderen internationalen Flüge vom Terminal 1 abfliegen werden, sondern vom kleineren Terminal 2. Weitere drei Kilometer später dort angekommen, folgt eine grandiose Verpackungsshow: Wir tapen, wickeln, polstern und etikettieren unsere beiden Räder, was das Zeug hält (Damit sind wir so beschäftigt, dass wir ganz vergessen, dieses großartige Event per Kamera festzuhalten.). Selbstverständlich haben wir die Räder genau so in Form gebracht, wie die Fluggesellschaft das vorschreibt.

Danach werden Werkzeug und Gepäck ebenso kompetent verpackt und mit Folie umwickelt. Das Ganze dauert etwa eineinhalb Stunden. Pünktlich eine Stunde vor dem (geplanten) Abflug stehen wir vor der Dame am Check-in, die uns mitteilt, dass wir all unser Hab und Gut als Sperrgepäck aufgeben dürfen. Der Mitarbeiter am Oversize Luggage ist jedoch der Meinung, unsere Räder seien zu groß für den Screener. Wir hätten nun drei Möglichkeiten: die Räder noch einmal auspacken und das Vorderrad demontieren, die Räder als Cargo aufgeben (für wahrscheinlich VIEL Geld) oder mit der Fluggesellschaft reden.

Die Dame am Schalter teilt mir nach zwei Telefonaten ihrerseits auf meine Anfrage hin mit, der Mitarbeiter am Oversize Luggage solle doch bitte bei seinem Supervisor anrufen, washier zu tun sei. Dieser wiederum erklärt uns erneut die drei oben genannten Varianten… Also entscheiden wir schweren Herzens, die Lenker von den Rädern zu demontieren, um Höhe zu reduzieren, haben allerdings kein Material mehr, um die klaffenden Wunden in unserer schönen Verpackung zu versorgen. Und Mirkos Gepäck ist wieder offen, da wir die Werkzeugtasche ja noch einmal gebraucht haben.

Wir steigen als nächstes in Verhandlungen ein mit dem jungen Mann an der Ich-wickel-Dir-Dein-Gepäck-für-20€-in-rosa-Folie-ein-Maschine. Dieser darf uns keine Folie abwickeln, ohne unser Gepäck einzuwickeln und die Räder passen nicht auf seine Maschine bzw. passen sie, aber er darf sie uns entweder nur ganz oder gar nicht einwickeln, aber auf gar keinen Fall nur den Streifen, den wir brauchen.

Am Ende stehen wir zu sechst im Kreis und veranstalten ein Brainstorming mit dem Ergebnis, dass uns der Kollege der Fluggesellschafts-Mitarbeiterin zwei große Tüten besorgt, die üblicherweise zum Verpacken von Kinderwagen genutzt werden, plus Klebeband. Welch großartige Idee!!!

Erneut machen wir uns an die Arbeit. Nach insgesamt dreieinhalb Stunden können wir endlich unser Gepäck aufgeben und sind völlig durchgeschwitzt. Zum Glück hat unser Flug drei Stunden Verspätung, sonst hätten wir in Europa bleiben dürfen. Übrigens: Inzwischen gab es am Oversize Luggage einen Schichtwechssel und der neue Mitarbeiter baut für den Screener einfach auf der einen Seite zwei Plastikboxen unter die Räder, damit sie bequem in die Maschine passen…

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Ankunft in New York

Die Ankunft in den USA gestaltet sich ähnlich aufregend. Pünktlich 22 Uhr landen wir in New York, um dann eine Stunde auf dem Rollfeld zu warten, bis ein Parkplatz frei wird. Als die Einreiseformalitäten erledigt sind – wir dürfen laaange hier bleiben – ist es kurz vor Mitternacht. Während wir gerade die Räder wieder zusammen basteln, erklärt uns ein Zollbeamter, wir sollten uns doch bitte unbedingt beeilen, er und seine Kollegen hätten seit zehn Minuten Feierabend und wir wären die letzten Reisenden weit und breit. Mit platten Reifen und halbmontiertem Lenker schieben wir die Bikes durch den Zoll. Freundlicherweise begleitet uns der Zollbeamte und zeigt uns, wo wir in einer ruhigen Ecke und mit Toiletten in Reichweite die Nacht verbringen können. Nach weiterem Schrauben und Pumpen, Pusten und Zähneputzen liegen wir halb zwei morgens im Terminal 2 des International Airport JFK, New York auf unseren Isomatten und gönnen uns fünf Stunden Schlaf… Doch die Odysee geht weiter: Beide Reifen an meinem Rad sind am Morgen wieder platt. Es folgen zwei Versuche, die Reifen zu flicken mit dem Ergebnis, dass wir auf dem Weg via Queens nach Brooklyn mehrfach stoppen müssen, um mein Hinterrad wieder mit Luft zu versorgen. Die Zeit drängt, da unser Warmshowers-Gastgeber in New York, Ed, auf unsere Ankunft wartet… Am Ende kommen wir mit nur einer Viertelstunde Verspätung in Eds Appartment an, wo uns ein herzlicher Empfang bereitet wird. Völlig knülle fallen wir abends recht zeitig in ein herrlich großes Bett in einem Gästezimmer ganz für uns.

Insgesamt verbringen wir vier Tage in New York City, der Stadt, die niemals schläft. Ich erleide einen kleinen Kulturschock – hier ist allles viel: viele Menschen, viele Wolkenkratzer, viele breite Straßen, viele Autos, viele Attraktionen, viele Sehenswürdigkeiten, viel teuer. Mit dem Fahrrad führt uns Ed, seines Zeichens Fahrradguide, auf zwei Halbtagestouren durch Brooklyn bzw. an die Jamaica Bay, wo wir unsere Räder nach dem Mittelmeer nun auch in den Atlantik stupsen können. In der restlichen Zeit versuchen wir so viel von New York zu sehen wie möglich: Chinatown, South Street Seaport, Battery Park, Wall Street, Fähre nach Staten Island an der Statue of Liberty vorbei, World Trade Center Memorial, One World Trade Center, Times Square, SoHo, Greenwich Village, Central Park, Chrysler Building, Empire State Building, United Nations, Rockefeller Centre, Brooklyn Bridge… ich habe bestimmt einiges vergessen zu erwähnen.

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Brooklyn Bridge

Für die Auslosung des Monatsrätsels Mai steht uns Ed auch gern als Glücksfee zur Verfügung. Manch eine_r mag gedacht haben, die Antwort auf unsere Frage nach der Direktorin dieser Sehenswürdigkeit lautet Ina Bannert. Richtig jedoch ist Hélène Lafont-Couturier als Direktorin des Musee des Confluences in Lyon. Gewonnen hat aus den zahlreichen Einsendungen Herwart R. aus R. Herzlichen Glückwunsch von uns!

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Glücksfee Ed

Nach vier Tagen spätestens packt uns die Lust auf Natur, Land und Leute. Unser fantastischer Gastgeber Ed begleitet uns die ersten 50km hinaus aus New York City und hinauf in den Norden, den Hudson River entlang. Vielen Dank noch einmal für den herzlichen Empfang in den Vereinigten Staaten, lieber Ed!

Dann sind wir wieder auf uns allein gestellt und die ersten Tage im Land der unbegrenzten Möglichkeiten sind eine Herausforderung für uns. Hier ist alles groß – die Autos, die Grundstücke, die meisten Häuser, die Straßen, die Supermärkte und die Parkplätze davor. So muss sich Gulliver im Land der Riesen gefühlt haben. Wir brauchen einige Zeit, uns auf die offenherzige Neugier der Amerikaner_innen und ihre Art zu leben einzustellen.

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Strictly Bicycle

Essenstechnisch hingegen gelangen wir recht schnell auf einheimisches Niveau. Neben den wie gewohnt selbst zubereiteten Mahlzeiten gibt es Hühnchen, Bagels, Cola, Icecream, Donuts, Burger, Pancakes (Frau Dr. K., Du wärst stolz auf mich!).

Es folgen drei Tage in den Catskill Mountains mit Bergseen, Wäldern, wildromantischen Flüssen, Warnungen vor Bären, in die Bäume hängen von Taschen mit Lebensmitteln, starkem Regen (bis Mirko eine neue Regenjacke erwirbt und damit den Regen bannt) und tollen Trails entlang ehemaliger Eisenbahnstrecken. Hier sehen wir auch – und das soll selten der Fall sein – den Wappenvogel der USA, einen Weißkopfseeadler.

Nördlich der Catskill Mountains und am Ende des wunderschönen Shoharie-Tals stoßen wir auf den Erie-Kanal, der Lake Erie und Hudson River miteinander verbindet und wesentlich zur Entwicklung des Bundesstaates New York beigetragen hat. Der Erie Canalway Trail hält sieben Tage lang so ziemlich alles für uns bereit: Regen, Gegenwind, Sonne, Gewitter, tolle Campinggelegenheiten direkt am Ufer, Mücken, Abkürzungen, die vor einer Mauer aus hüfthohem Gras enden, Streifenhörnchen, Murmeltiere… und Begegnungen.

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Erie Canalway Trail

Wir treffen in Macedon beispielsweise Jennifer & Pierre aus Kanada. Unglaublich aber wahr, die beiden haben all ihr Hab und Gut verkauft und sind für drei Jahre auf Reisen – in einem Kanu auf den Wasserwegen Nordamerikas. Wir verbringen einen tollen gemeinsamen Abend mit Chili con Carne und kanadisch-amerikanischem Bier.

Weiter westlich in Rochester stoppt uns ein entgegenkommender Radler. Dave ist 76 Jahre alt, was man ihm überhaupt nicht ansieht. Radfahren scheint jung zu halten – dann sind wir ja auf dem richtigen Weg… Dave fährt täglich 15 Meilen den Erie Canal entlang und fotografiert dabei Leute wie uns – in Rochester sind wir nun berühmt. ( http://www.davevalvo.com/Sports/Biking/Erie-Canal-Trail-Riders/ )

Die kleinen und großen Orte entlang der Route bereichern unsere Fahrt mit ihren historischen Gebäuden, Brücken und anderen geschichtsträchtigen Orten. Das meistgesehene Fahrzeug hier sind allerdings Rasenmäher in allen erdenklichen Größen.

Am Ende des Erie Canalway Trail warten die Niagara-Fälle auf uns. Wir entscheiden, uns zwei Nächte in einem Motel am Stadtrand von Niagara Falls zu gönnen und in den kommenden Tagen ein Stück Kanada zu erkunden, bevor wir uns auf den Weg durch die Great Plains machen werden. Also überqueren wir die Rainbow Bridge und genießen die ersten Blicke auf die Wasserfälle.

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Grenzübertritt USA – Kanada

Während wir Kanada bereisen, dürft Ihr Euch unserem Monatsrätsel für Juni widmen: Im Staat New York gibt es einen Fluß, der von den Ureinwohnern nach folgender Besonderheit benannt wurde: bei Flut fließt das Wasser stromaufwärts, bei Ebbe stromabwärts. Welchen Fluß suchen wir?

Bitte sendet Eure Antwort mit Angabe Eurer vollständigen Postadresse an unsere E-Mail-Adresse minartw@gmail.com. Einsendeschluss ist der 15. Juli 2015. Wir wünschen viel Erfolg!

zum Webalbum (Picasa)

aktueller Kilometerstand:4.565km absolvierte Höhenmeter: 22.102m

8 Gedanken zu „New York – Niagara Falls“

  1. Good morning America, how are you?
    schön endlich mal wieder ein Lebenszeichen von Euch zu bekommen.
    Weit seid Ihr vorangekommen.
    Super tolle Bilder, die Ihr wieder hochladen habt.
    Danke, daß man das Schöne mit Euch erleben kann.
    So viele Eindrücke, die Ihr zwei täglich bekommt. Die Welt ist doch soooo schön.
    Nach dem Flughafenstreß werdet Ihr in höchstem Maße entschädigt.
    Dann sammelt weiter tolle Bilder für die armen daheimgebliebenen.
    Bleibt vorallem gesund und habt viel Spaß.
    Viele liebe Grüße
    Kathrin

  2. moin,
    wurde auch zeit, dass ihr mal wieder in die tasten haut. ihr beiden seht übrigens richtig gut und zufrieden aus, was uns freut! ich lob euch ja nicht gern (stimmt garnicht), die bilder sind der hammer! knippst ihr eigentlich nur bei schönem wetter oder ist das immer so? ist mirko (mit bart) eigentlich schonmal eingehend konrtolliert worden von einem der us cops mit sonnenbrille? wurde euch während der überfahrt mit der staten-island fähre die kippe aus der hand geschnippst? und was denkt ihr darüber, dass kanada erst fast 100 jahre nach der gründung seine eigene nationalflagge bekam? egal, hier passiert auch viel. bspw. verliert unsere U21 im halbfinale der EM dieser AK gegen die der portugiesen mit 0:5 (ist das schon deutlich?), rené ist mit seiner dame zusammengezogen (wobei viele schrauben fehlen), der kai hat frei und ich muss arbeiten (daheim und auf arbeit)….wie auch immer, wir wünschen euch beiden weiterhin alles gute, viel glück und alles gute und allen lesern, dass ihr uns künftig nicht immer fast einen monat warten last 😉 mal abgesehen von chile, wo es vielleicht mit dem netz ein bissl dünne wird…..ahso, und ich warte auf eure antwort 😉

  3. Verehrter Mr. Officer Barbrady,

    sehr gern würden wir Ihre Frage zu den Möbiusband-Nudeln beantworten, sind allerdings noch mit folgender Frage beschäftigt: Heißt „Wenn einer von euch beiden mir die richtige Antwort sendet, bekommt ihr eine Überraschung.“, dass Sie nur eine Antwort von Mirko oder mir erwarten und wir dann eine gemeinsame Überraschung bekommen oder dass Sie von uns beiden eine separate Antwort wünschen und die Überraschung verlost wird???… Wir fragen ja nur, um zu wissen, ob sich der Aufwand lohnt…
    Danke im Voraus für die Erhellung!

    1. liebe rad-reisende,
      vielen dank für ihre rückmeldung. die übersendung „nur“ einer antwort wird von mir als angemessen eingeschätzt, da ich davon ausgegangen bin, dass sich zwei leute, die seit (nun schon) 78 tagen (quasi gemeinsam) im sattel sitzen zutraue, sich auf die richtige antwort einigen können. belohnen wollte ich jedoch euch beide. und keine zweifel, der aufwand lohnt! in freudiger erwartung, der officer

      @link:
      1) frau zum polizist: „mädchen“ -> gericht: 200€
      2) ihr mann in der verhandlung: „sie würde sowas nie zu einem bullen sagen“
      unbezahlbar 😉

  4. Hallo Ihr lieben,

    Es ist ein Wahnsinn!!!
    Danke, dass Ihr uns so nah an Euerer Reise teilhaben lasst.
    Beim anschauen der Bilder waren wir sehr berührt und
    aus heutiger Sicht müssen wir wirklich sagen: “ Euere Entscheidung war richtig „!
    Bleibt bitte gesund und munter, passt auf Euch auf.

    Wir halten hier die Stellung und denken jeden Tag an Euch.

    Viele Grüße auch von Hans und Anne + Dietz und Steffi + Oma und Opa + + ……….
    Alle die Euere Blog – Adresse haben schauen ständig rein
    und sind begeistert.

    Dann bis zum nächsten Skype, Mails haben wir gelesen – o.k.

    Viele liebe Grüße
    Peter und Burgl ( die Ellis )

    1. Hallo ihr zwei emsigen Radler. Wir waren noch niemals in New York ,noch niemals in Niagara falls , noch niemals sooo weit weg von zu Hause. Darum ist unsere Freude riesengross über die tollen Berichte und sensationellen Bilder. Danke danke. Natürlich freuen wir uns euch so glücklich zu sehen. Das beruhigt uns. Wir sind in Gedanken und mit Gesprächen oft bei Euch. Viele Bekannte und Freunde gucken in euren Blog und sind begeistert. Also macht weiter so. Wir wünschen euch eine gute unfallfreie Weiterfahrt durchs Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Wir freuen uns schon aufs nächste skypen. Bis dahin machts gut! es umarmen Euch Balazs und Kristina.(die anderen ellies)

  5. Huhu liebe Radler,

    vielen lieben Dank für die Geburtstagsgrüße. Hab mich riesig gefreut und ich hoffe ihr habt mit dem drauf anstoßen und trinken richtig schön übertrieben. 😉
    Gestern war das L-O Tischtennis Turnier. Durch das national breit gefächterte Sportler und Sportlerinnen Starterfeld konnte sich dann Holles Kollege aus dem Arzgebirch im packenden Finale gegen den Lokalhelden Holler durchsetzen. Der 3. Platz ging dann nach München. Durch terminliche Verspätungen konnte ich leider nicht in den Titelkampf eingreifen und die alte Henrietten WG Power an die Spitze bringen.
    Nächste Woche werde ich mich dann mal mit Rad in Richtung Ostsee bewegen. Der Urlaub muss ja irgendwie genutzt werden und mal ne große Runde allein wollte ich ja auch schon immer mal testen. Wenn ich nicht mehr bremsen kann und falsch abbiege bin ich also bald bei euch. War schon toll die Bilder aus NY und Kanada zu sehen. Mein letzter Besuch in der Ecke ist ja nun auch schon wieder 7 Jahre her und man bekommt direkt Fernweh.

    Vieleeeee liebe Grüße

    1. René,

      wo bist Du? Schon an der Ostsee, schon wieder zurück oder auf dem Weg an den Mississippi um uns zu begleiten?

      Mach’s guhut und fahr vorsichtig!

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